FIRE (Financial Independence Retire Early) und Frugalisten [Kommentar]

Da ich unten einige Markennamen verwende, kennzeichne ich diesen Beitrag als Werbung. Ich bekomme von keinem der genannten Unternehmen Geld oder irgendwelche Vorteile. Weiterhin kennt die Unternehmen eh jeder und es gibt auch genügend Wettbewerber, die bestimmt genauso toll sind. 😉

Erkenntnisse

Nachdem ich Quit Like a Millionaire gelesen hatte, habe ich das zum Anlass genommen ein paar Dinge anzugehen. In dem Buch geht es darum, dass man je nach Gehalt und Sparquote relativ früh finanzielle Unabhängigkeit erreichen kann. Mit anderen Worten man muss nicht mehr zwingend arbeiten. Während Aussteigen oder sich gegen das Hamsterrad stellen früher in den 60/70er Jahren noch mit Hasch Konsum und Chillen einherging und eher kurzfristig gedacht war (man hat sich also gegen das System gestellt) und man bei Aussteigern ja oft eher an die Hütte in Kanada oder die Ranch in den USA denkt, sind die heutigen Aussteiger deutlich moderner ausgerichtet.

Die Aussteiger arbeiten sogar genau andersrum: Sie nutzen das kapitalistische System, zeigen aber bis zu einem gewissen grad gleichzeitig den Stinkefinger. Sie nutzen beispielsweise den Kapitalmarkt um ein regelmäßiges Einkommen zu generieren, stellen ihre Arbeitskraft aber nicht mehr in einem klassischen Job zur Verfügung, sondern machen das was ihnen Spaß macht. Verkürzt ausgedrückt reden wir also quasi über den Star Trek Gedanken. Niemand muss arbeiten aber man kann.

Dabei werden keine illegalen Tricks benutzt, wie die Superreichen das oft machen (ich sage nur Trump und Co), sondern lediglich die geltenden Gesetze und die Regeln des Kapitalmarktes genutzt. Es ist faktisch viel Mathe im Spiel um das Ziel der finanziellen Unabhängigkeit zu erreichen.

Welchen Zweck hat dieser Blogbeitrag?

Der Blogbeitrag soll keineswegs über die detaillierte Mathematik des Themas aufklären. Dafür gibt es diverse gute Blogbeiträge, die man relativ schnell findet. Obiges Buch ist ein guter Einstieg, die Autorin betreibt aber auch einen Blog und verlinkt auf diverse andere Menschen, die FIRE (Financial Independence Retire early also finanzielle Unabhängigkeit, frühzeitiger Ruhestand) erfolgreich angewendet haben.

Ich will mit dem Beitrag lediglich zum Nachdenken anregen und Möglichkeiten aufzeigen.

Wer macht sowas?

Man kann die Leute auch nicht generell über einen Kamm scheren. Wie immer gibt ganz viel grau, neben schwarz und weiß. In dem Sektor FIRE gibt es eine riesige Bandbreite. Es gibt Optimierer (normales Gehalt, hohe Sparquote, die Frugalisten – also maximalsparsame Menschen – sein können oder eben auch nicht), Unternehmer (die gehen hohe Risiken ein – wie Steve Jobs oder Elon Musk, Mark Zuckerberg) oder Investoren (wie Warren Buffet und Co.). Zumindest die Unternehmergruppe lebt in der Regel nicht Frugal und bei der Investorengruppe ist das normalerweise nicht anders.

All diese Menschen erreichen auf verschiedenen Wegen früh finanzielle Unabhängigkeit (englisch FI, also den ersten teil von FIRE).

Letzteres ist ein Teil des Zieles der FIRE Bewegung (Finanical Independance Retire Early). Der letzte Teil – also retire early – ist optional. Das bedeutet auch nicht, dass man nichts mehr macht, sondern nur noch was einem Spaß macht. Ein Buch schreiben, malen, ein Ehrenamt bekleiden? Es ist egal, wenn man kein Geld damit verdienen muss, kann man sich alle Zeit der Welt dafür nehmen.

Wenn sich der Grundgedanke nicht schlecht anhört, dann erkläre ich euch im folgenden Teil was damit gemeint ist.

Nur für Topverdiener und DINKS (Double Income no Kids)?

Die Extrembeispiele der FIRE praktizierenden haben ohne fremde Hilfe nach 10 Jahren finanzielle Unabhängigkeit erreicht (siehe Quit Like a Millionaire). Jetzt werden einige sagen: Das geht doch nur für Top Verdiener.

Um mit 30 Jahren schon vollständig finanziell unabhängig zu sein ist das sicher richtig. Die beiden Autoren aus dem buch Quit like a Millionaire hatten ein Anfangsgehalt nach Steuern von 125.000 kanadischen Dollar. Teilen wir das durch 1,9 (grober Umrechnungskurs) = 65.789€ / 2 Personen = 32.894€ pro Person netto. Wenn man in Europa von einem Bruttogehalt im Bereich um 50.000 – 60.000€ für einen Informatiker ausgeht, ist das also ein gut bezahlter Job, aber auch in Europa nicht unüblich. Nach 10 Jahren hatten die beiden 1 Million kanadische Dollar zusammen. Genug für die beiden um bei 40.000$ Kosten pro Jahr (ca. 21.000€) in den Ruhestand zu wechseln. Die Kosten kann man als Single natürlich nicht einfach halbieren, insofern haben paar Vorteile.

Natürlich liegt das Einkommen deutlich über dem Durchschnittseinkommen und desto mehr man auf der Gehaltsabrechnung hat, desto einfacher fällt einem das Sparen. Aber in der Regel ist es so, dass Leute mit mehr Gehalt auch mehr ausgeben. Dementsprechend sparen sie also nicht zwangsweise mehr, als Durchschnittsverdiener, sie könnten es nur leichter.

Jetzt kommt der zweite Faktor ins Spiel: Die Sparquote. Wie weit will man sich heute einschränken, um in der Zukunft finanziell unabhängig zu sein?  Eine hohe Sparquote zeigt einem selbst, wie viel Geld man zum Leben braucht. Wenn man das heute kann, kann man es auch in Zukunft. Die Kunst ist den Level zu finden, den für einen selbst der richtige ist.

Es gibt übrigens auch Beispiele von Leuten, die FIRE auch mit Kindern erfolgreich umsetzen. Faktisch ist es offenbar eher eine Ausrede, dass das Modell mit Kids nicht funktioniert.

Dazu kommt, dass bei einer Durchschnittlichen Verzinsung von 6% (Kapitalmarkt) selbst kleine regelmäßige Beträge nach zum Beispiel 15 oder 20 Jahren recht stark anwachsen können.

Ohne Konsum kein Glück?

Jeder kennt den Spruch “Geld macht glücklich” aber ist das so? Es macht einen unglücklich, wenn der Nachbar für die selbe Arbeit das doppelte bekommt oder der Kollege. Zumindest ist das bei den meisten von uns so, wenn wir ehrlich sind.

Wird man losgelöst von obigem Beispiel automatisch glücklicher, wenn man mehr Geld auf der Gehaltsabrechnung hat (also ohne Vergleichswert)? Kurzfristig ja. Langfristig nur bis zu einem gewissen Level bzw. nein. Warum das?

Macht nun Konsum nicht generell glücklich? Als Faustregel gilt, eher nein. Die Basisausgaben – Essen, Miete, Strom usw. müssen natürlich gedeckt sein, sonst seid ihr unglücklich. Dazu muss ein gewisses Gefühl von Sicherheit vorhanden sein und ihr wollt auch ab und an mal in Urlaub fahren.

Mit dem ersten eigenen Fernseher, dem ersten paar Schuhe was auch immer ihr mögt seid ihr glücklicher. Aber der 10. Fernseher den ihr kauft macht euch nicht mehr glücklicher. Selbst beim zweiten (ggf. für das Schlafzimmer) und dritten (für die Küche) lässt der Glücksgewinn schon deutlich nach.

Genauso ist das 10. paar Schuhe bei weitem nicht mehr so spannend. Im Gegenteil ihr verbringt nun auch jeden Tag zeit damit euch zu überlegen welches Paar ihr denn heute anzieht (5 stehen eh nur im Schrank und werden nie benutzt). Das sind nur ein paar Beispiele aber die Grundregel steht: Was habt ihr alles im Kleiderschrank, was ihr nicht anzieht? Und das könnt ihr auf alle Bereiche übertragen. Wie viel Zeug habt ihr das ihr kaum benutzt und nicht vermissen würdet. Ihr habt das aber alles bezahlt. Eigentlich sogar schlimmer, denn das Zeug was ihr besitzt verliert in der Regel an Wert, während angelegtes Geld weiteres Geld generiert.

Jeder Besitz ist auch Verantwortung und zieht Folgekosten nach sich. Ihr habt ein Haus? Dann müsst ihr es auch reparieren, ihr müsst Versicherungen abschließend. Ggf. müsst ihr auch Rückzahlungen mit Zinsen bedienen usw.

Was ist das Fazit: Die meisten Menschen kaufen Dinge, die sich nicht brauchen und die uns langfristig nicht glücklich machen. Welche Dinge das sind und welche für jeden unverzichtbar sind, ist individuell sehr unterschiedlich. Wenn ihr Kaffee mögt, ist vielleicht der morgendliche Starbucks besuch unverzichtbar? Für mich ist das überhaupt kein Thema, ich mag keinen Kaffee.

Wie funktioniert Financial Independence?

Ich will hier nicht im Detail auf die Mathematik eingehen, dass würde den Beitrag sprengen. Es geht im Prinzip darum, dass man den benötigten / gewünschten monatlichen Betrag aus Kapitalerträgen finanzieren kann. In der Regel geht man davon aus, dass man grob 4% durchschnittliche Verzinsung aus einem Kapitaltopf entnehmen kann, ohne diesen dauerhaft zu senken (ausgehend von 6% durchschnittlichen Kapitalerträgen pro Jahr bezogen auf Aktienindizes).

Wenn man also im Jahr z.B. 25.000 entnehmen will, benötigt man nach dieser Formel ca. 625.000€. Jetzt werdet ihr ggf. anmerken, dass das doch vollkommen unrealistisch ist so viel Geld zu haben. Leute die finanziell unabhängig sind, verzichten teilweise auch auf einen Hauskauf. Denn das bindet sehr viel Geld und man nimmt in der Regel auch einen Kredit dafür auf (was noch zusätzlich Zinsen kostet).

Das FIRE Modell ist auf 30 Jahre ausgelegt (also quasi auf unbegrenzte Zeit und berücksichtigt auch nicht, dass ihr je nach Arbeitsjahren ggf. irgendwann eine echte Rente bekommt – zumindest in Deutschland – oder auch eine zusätzliche private Altersvorsorge habt).

Ob obiges Beispiel unrealistisch ist, kommt ganz darauf an wie viel ihr auf dem Gehaltzettel habt und wie weit ihr von der klassischen Rente entfernt seid. Wollt ihr vollständig finanziell unabhängig sein oder nur partiell? Wollt ihr am Ende einfach auf 0 raus kommen und kein Risiko haben (dann könnt ihr das Geld vor dem Bedarfsfall einfach aus dem Kapitalmarkt nehmen – ihr schließt also die Entnahmerisiken abseits von Inflation aus). Habt ihr schon ein Haus gekauft und zahlt nun die nächsten 20 Jahre den Kredit ab? Dann wird die finanzielle Unabhängigkeit später eintreten.

Faktisch kann jeder der sparen kann (und sind es auch nur 10%) vor der klassischen Rente finanzielle Unabhängigkeit erreichen. Und ganz ehrlich – wollt ihr euch heute noch auf “die Rente ist sicher” verlassen, wenn ihr 20 oder 30 Jahre alt seid?

Ist der Ansatz nicht extrem unsicher?

Was ist im Leben schon sicher? Auch wenn ihr über die Straße geht, könnt ihr überfahren werden. Das Ziel ist es das Risiko zu minimieren. Es gibt verschiedene Studien zum Thema, die Anhänger der FIRE Idee für Modellberechnungen nutzen.

Oben ist die Mathematik stark vereinfacht dargestellt. Jeder, der schon mal Aktien hatte weiß, dass die Kurse extrem schwanken können (letztes Jahr hat man das im Rahmen der Covid Panik an den Börsen sehr beeindruckend erleben können). Wenn man also gerade seinen Job gekündigt hat und die Aktien nur noch die hälfte Wert sind, könnt ihr also weiter euren festgelegten Wert (25.000 Euro pro Jahr) entnehmen aber welche Konsequenzen hat das? Dann entnehmt ihr aber 8% statt der 4%, die ihr vorher festgelegt hattet. Und schon beginnt das schöne Modell, dass auf 30 Jahre ausgelegt war zu bröckeln. Aber keine Panik, es gibt Lösungen dafür!

Das ist auch schon das größte Risiko im Rahmen der Entnahme bei dem Ansatz sich über den Kapitalmarkt zu finanzieren. Wenn man jedes Jahr Absolutbeträge entnimmt und der Markt über Jahre ein Bärenmarkt ist, kippt das Modell. Die Alternative – immer 4% entnehmen schließt dieses Risiko aus, aber dann muss man plötzlich ggf. ein Jahr lang vom halben Betrag leben. Ohne Reserven oder Geograhpical Arbitrage (siehe unten) dürfte das schwierig werden.

Risikominimierung bei der Sparphase

In der Ansparphase sollte man möglichst breit gestreut investieren und eine gute Mischung aus Risiko und Erträgen finden. Dabei lehnt man sich im Optimalfall an Indizes an (also nicht an eine Aktie, sondern an viele z.B. S&P mit 500 Werten). Wichtig ist auch, dass man nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt kauft, sondern durch Sparpläne oder regelmäßige Käufe das Risiko streut.

Ihr wollt nicht zu einer Bullenphase (hoher Index) euer Geld investieren, nur um nachher festzustellen, dass der durchschnittliche Kurs viel niedriger ist. Dann hättet ihr einen Teil des Geldes auch gleich verbrennen können. Regelmäßige Käufe minimieren dieses Risiko, wenn ihr über mehrere Jahre kauft. Weiterhin wollt ihr nicht spekulieren, sondern lediglich den Durchschnittsbetrag an den Kapitalmärkten abgreifen. Wenn ihr durchgängig mit Spekulationen Geld macht, seid ihr einer von ganz wenigen, die besser sind als der Kapitalmarkt im Schnitt.

Risikominimierung bei der Entnahme

Es gibt verschiedene Strategien um das Risiko bei der Entnahme zu minimieren. Beispielsweise kann man einen Teil Bargeld vorhalten, also Geld, dass nicht im Kapitalmarkt steckt und das man nicht in einer Tiefphase aus dem Kapitalmarkt entnehmen muss.

Wenn man ETFs / Anleihen (mehr dazu später) mit Dividenden (ausschüttend) auswählt, dann bekommt man einen gewissen Grundstock auch ausgeschüttet ohne irgendwelche Anteile aus dem Bestand zu verkaufen. Der Grundstock ist bis zu einem gewissen Grad steuerfrei.

Dies minimiert den prozentualen Anteil der Entnahme. In der Regel ist es auch so, dass die Dividenden auch in Bullenphasen nicht so stark einbrechen wie die Aktien. Weiterhin kann man mit Mischstrategien arbeiten, die nicht den Absolutbetrag fix entnehmen, sondern mit Variablen Anteilen arbeiten (Ober / Untergrenze / Cape) usw.

Das Risiko ist beim Ausstieg aus dem Beruf bzw. in den ersten Jahren des Retire Bereichs am größten. Am Ende der Verzinsungsphase sind hohe Renditen wichtig und zum Start des Retire Bereiches möglichst prozentual keine zu Entnahmen über den 4%. Im Optimalfall hat man zu dieser Zeit also einen Bullenmarkt.

Was bedeutet das in Summe. Sagen wir 1,5% bekommt ihr über Renditen. Somit müsst ihr schon nur nur 2,5% entnehmen. Rechnen wir das an einem Beispiel. Gehen wir von den 25.000€ aus. Ihr entnehmt normalerweise 2,5% von 625.000 = 15625€. Der Rest kommt über die Renditen rein. Sagen wir nun ihr bekommt einen teil der Erträge über Renditen, die eben auch aus Bonds stammen. Diese Erträge brechen in der Regel nicht so stark ein.

Das bedeutet: Barbetrag zur Überbrückung + Dividenden / Zinsen mindern euren Entnahmebetrag. Im Optimalfall könnt ihr somit dafür sorgen, dass der Entnahmebetrag die 4% nie wesentlich überschreitet. Weiterhin habt ihr noch 2% Durchschnittsreserve, die euch langfristig helfen.

Was ist mit den Kosten?

Es gibt diverse Kosten, die nicht mehr anfallen, wenn man vollständig finanziell unabhängig ist. Eine Lebensversicherung?  Überflüssig. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Überflüssig. Eine Unfallversicherung – nun das müsst ihr selbst beurteilen. Seid ihr in einer Gewerkschaft? Das macht auch wenig Sinn, wenn ihr nicht mehr arbeitet.

Einige Kosten wie Steuern / Krankenversicherung sinken auch mit den Einnahmen. Die Einnahmen (also das was ihr nun dem Kapitalmarkt entzieht) sind zwangsweise geringer als zu eurer Arbeitszeit, sonst hättet ihr nicht sparen können.

Braucht ihr ein Auto oder kommt ihr auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurecht? Oder könnt ihr allein dadurch schon sparen, dass ihr seltener fahrt. Vielleicht braucht ihr auch seltener ein neues Auto. Wenn ihr in einer Stadt lebt, reicht evtl. auch Car Sharing?

Ist das nicht asozial und schädigt die Gesellschaft?

Der Vorwurf, dass man das System ausnutzt und sowas doch nicht funktionieren kann, kommt meiner Meinung nach primär von Neidern. Nein, die Leute, die mit 30 aus dem Job aussteigen machen nicht wirklich nichts. Meist sind sie in irgend einer Form produktiv. Das Geld was sie sich erarbeitet haben, haben sie selbst erarbeitet. Anschließend arbeitet das Geld für sie. Sie sind aber in der Regel entspannter, stressfreier, glücklicher.

Ich kann daran nichts asoziales oder gesellschaftsschädigendes finden. Zumindest in Deutschland zahlt man ganz normal steuern und Krankenversicherungsbeiträge, wenn man Kapitaleinkünfte hat. Das ist in den USA anders (da zahlt man quasi keine Steuern und die Krankenversicherung wird stark bezuschusst), liegt aber nicht an den Leuten, sondern am System.

Wer wirft einem Warren Buffet vor, dass er asozial handelt? Ganz im Gegenteil – solche Personen werden von unserer Gesellschaft oder zumindest dem Kapitalismus – als erfolgreiche Geschäftsleute vergöttert.

Geographical Arbitrage

Was ist das nun wieder? Der Begriff beschreibt einen Effekt, dass das Geld also z.B. US $ oder € in anderen Ländern mehr Kaufkraft haben. Das heißt eine Möglichkeit finanziell unabhängig zu sein ist Auszuwandern oder zu Reisen.

Ökologisch ist das natürlich nicht vorteilhaft, wenn ihr in ein Flugzeug steigt aber das muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen. Je nach Reisestil werdet ihr aber weniger fliegen als jemand der regulär Urlaub macht. Besonders, wenn ihr länger in einer Region bleibt und hey, ihr habt nun Zeit.

Ihr könnt also mit dem selben Geld in Thailand zu besseren Konditionen leben als zu Hause. Ob ihr das wollt ist natürlich eine andere Frage. Faktisch ist das nur das Anlehnen an die Globalisierung und langfristig wird der Effekt auch geringer werden.

Gerade mit einem geringen Gehalt oder in Bärenjahren kann das auch eine Möglichkeit sein Kosten zu senken.

Wie geht man vor, um FI zu erreichen?

Das ist sehr individuell und von Person zu Person unterschiedlich. Wichtig ist, dass man sein Leben lang versucht Kredite zu im Privatbereich vermeiden. Die Kosten zusätzlich Geld für einen vorgezogenen Nutzen. Als Investor könnt ihr zwar mit Krediten theoretisch mehr Geld generieren aber die wenigsten Menschen sind erfolgreiche Investoren. Ihr begebt euch damit in einen gefährlichen High Risk Bereich.

Ansonsten müsst ihr für euch selbst festlegen wie viel Geld ihr sparen könnt oder wollt. Entweder macht ihr das mit festen Regeln oder spart einfach was übrig ist. Je nach Typ wird die eine oder andere Variante für euch besser funktionieren.

Ob ihr am Ende auch Retire Early umsetzt ist komplett optional. Wenn ihr Spaß an eurem Job habt, macht ihn Teilzeit weiter oder bleibt dabei. Ihr habt dann ein zweites Einkommen und könnt das ausgeben wofür ihr mögt.

Wie bin ich vorgegangen?

Ich habe in den letzten 10 Jahren schon etwas Geld zurückgelegt, dass ich im jeweiligen Monat nicht ausgegeben habe. Das lag aber die meiste Zeit auf Tagesgeldkonten und wie wir alle wissen ist die Verzinsung dafür nicht mehr vorhanden.

Das Geld ist also durch die Inflation jedes Jahr weniger wert.

Die Regel möglichst nie / keine Kredite habe ich irgendwann in meiner Ausbildung gelernt zu beherzigen. Da habe ich mein Kreditkartenlimit immer schon ausgenutzt (für einen Monat war das ja immer kostenlos) und teilweise den Dispo noch dazu (ja, total dumm bei den Zinsen).

Wir haben in meiner Kindheits- / Jugendzeit nun wahrlich nicht im Geld geschwommen und plötzlich konnte ich mir Dinge wie einen Videorecorder oder einen Fernseher leisten (letzteren hatte ich zwar schon aber ziemlich alt, klein und nicht sonderlich toll). Ich habe mein Geld damals also in Technikkram gesteckt und jeder weiß, das verliert sehr schnell an Wert.

Irgendwann hat die Bank mal eine Buchung nicht ausgeführt und Schwups waren die Kosten noch viel größer. Das hat mich dann zum Nachdenken gebracht. Warum mache ich das überhaupt?

Ich ziehe doch nur den Nutzen ein oder zwei Monate vor und zahle dafür überproportional drauf. Seitdem hatte ich nie wieder einen Kredit und auch nie wieder den Dispo benutzt.

Im letzten Jahr habe ich die extremen Schwankungen an der Börse genutzt und das Spiel der Börsianer gespielt. Ich habe bei fallenden Kursen Hebel Zertifikate gekauft und als die Kurse niedrig wahren Aktien und ETFs. Das ging keinesfalls ohne Lehrgeld (siehe oben die wenigsten Leute sind an der Börse besser als der Markt), aber in Summe habe ich rund 45% Gewinn gemacht (vor Steuern). Das ist keineswegs großartig. Da wäre deutlich mehr drin gewesen aber ich habe wie schon angemerkt auch Lehrgeld bezahlt.

Und jetzt bitte mit weniger Glücksspiel oder Bauchgefühl, sondern nachhaltig

Ich habe nun einen Dauerauftrag von meiner Standardbank (Sparkasse) zu meiner Spar- und Investitionsbank (Diba) eingerichtet. Somit habe ich mich schon mal eine minimale Sparquote eingelassen. Bisher habe ich einfach immer das gespart was übrig war, ohne ein festes Level zu nutzen.

Die zweite Komponente ist, dass ich mich für einen Satz ETF Sparpläne. Mit ETFs investiert man in den Indizes zum Beispiel vom Aktienmarkt, aber mit in der Regel geringen laufenden Kosten (<=0,25% laufende Kosten, besser <= 0,1%) und angelehnt an einen Index (DAX, Dow Jonex, S&P 500). Ein ETF kann nicht auf 0 sinken, wenn ein oder mehrere Unternehmen Insolvenz / Konkurs anmelden entschieden habe.

Einfach ausgedrückt verteilt man damit das Risiko und versucht eine Mischung zwischen höherem Risiko (Aktien), relativer Sicherheit und festen Einnahmen (Anleihen, Dividenden), guten Erträgen und möglichst geringer Volatilität (Schwankungsbreite zu erreichen).

Das Raussuchen und Optimieren des ETF Portfolios hat mich ca. einen Tag gekostet. Im Schnitt habe ich nun eine Verzinsung von 8% (davon 2% Ausschüttung) bei 0,1% laufenden Kosten und das ganze gestreut über Deutschland, die EU, die Welt, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen. Weiterhin sind ca. 60% Aktien und 40% Anleihen (theoretisch soll man die Anteile ausgehend vom Lebensalter auswählen (bei 40 Jahren also z.B. 60% Aktien, 40% Anleihen). Das hängt aber von der Risikobereitschaft und der jeweiligen Phase im Finanzmarkt ab (aktuell sind Anleihen z.B. nicht so toll, weil sich die Kurse eher nach unten entwickeln).

Faktisch bin ich aktuell also gefühlt irgendwo in der Mitte, ich habe noch keine FI (oder zumindest nicht zu Bedingungen, die mir gefallen) aber einen ganz guten Grundstock.

Fazit

Mich hat das Buch zum Nachdenken gebracht. Ist es nicht toll zumindest partiell oder vollständig finanziell unabhängig zu sein?

Wäre es nicht klasse in einem bestimmten Alter, wenn man noch fit ist, sich noch mal neu zu erfinden? Um die Welt reisen? Ein Studium beginnen? Ein Buch schreiben? Oder eine ehrenamtliche Tätigkeit wahrnehmen, die einem Spaß macht?

Selbst wenn das nicht euer Ziel ist, weil ihr euren Job klasse findet. Ist es nicht befreiend, wenn ihr nicht mehr arbeiten müsst, sondern nur noch arbeiten geht, weil ihr es wollt?

Ich würde meine Zeit vermutlich zumindest in den ersten Jahren primär mit Reisen verbringen (das Covid Thema mal ausgeklammert, das rückt hoffentlich bald wieder in den Hintergrund).

Was man mit der freien Zeit macht, ist einem selbst überlassen.

Viel verlieren kann man in der Ansparphase nicht. Man geht lediglich etwas bewusster mit Geld um und falls der komplette Plan den Bach runter geht, hat man Geld verloren, dass man nicht zwingend braucht. Aber mal ehrlich, wenn sich die Finanzmärkte dauerhaft nach unten entwickeln funktioniert unser System eh nicht mehr, dann haben wir ganz andere Probleme.

VR Bestandsaufnahme – Valve Index Review [Kommentar]

Valve Index VR Headset

VR Teil 1 – Test der Occulus Quest

Ich hatte 2019 bereits einen VR Tests mit der Occulus Quest gestartet. Für den Preis war ich wirklich beeindruckt von dem Gerät, auch wenn die Quest einige Macken hatte. Die Controller hatten einige Schwächen hatten (der Ring große Ring stört einfach, weil man damit teilweise irgendwo anstößt und die Batterielaufzeit war auch ziemlich mau). Weiterhin hatte ich mit der Fresnel Linse so meine Probleme, weil dadurch immer wieder optische Effekte wie Lichtblitze aufgetreten sind (interessanterweise primär auf einem Auge). Zu dem Testzeitpunkt konnte man die Quest auch noch nicht mit dem PC verbinden, was ein weiterer Nachteil war.

Somit konnte ich auch nur die Spiele testen, die auf der Quest liefen. Das bedeutete relativ geringe Auflösung und eine recht begrenzte Auswahl.

Daher habe ich die Quest zurückgeschickt und dachte nun über die Investition in ein “richtiges” VR Headset nach.

VR Teil 2 – Valve Index

Da ich kürzlich meinen Rechner auf den aktuellen Stand gebracht hatte und nun eine AMD 5900X + Geforce 3090 FE (die Grafikkarte war nicht geplant aber leider das einzige war mehr als ein paar Sekunden verfügbar war, eigentlich sollte es eine 3080 FE werden) mein eigen nenne, dachte ich mir, dass es Zeit für die zweite Runde VR ist. Dieses mal eben richtig. Der Preis hat mich zuerst abgeschreckt aber dann habe ich es mir insoweit schöngeredet, dass man die Basisstationen und Controller hoffentlich lange nutzen kann, auch wenn das Headset in ein paar Jahre überholt ist und ggf. ersetzt wird.

Das Setup

Das Setup von der Occulus Quest war sehr einfach. Aufsetzen und loslegen beschreibt es am besten. Man konnte optional einen Spielbereich einrichten und das war es auch schon. Das Einrichten des Spielbereiches war simpel. Man hat durch Bewegungen einfach die Grenzen des VR Bereiches vergrößert und zwar beliebig in der Form.

Dementsprechend einfach hatte ich mir das bei Index auch vorgestellt. Weit gefehlt. Klar, man muss die Basisstationen zum Tracking platzieren. Das dauert schon eine Weile, ist aber Systembedingt. Je nach Raumsetup ist die Auswahl der Aufstellungsorte nicht so einfach, weil sie im Optimalfall auf einem ca. 2m hohen Schrank stehen und Diagonal gegenüber. Weiterhin sollte die Sicht auf den VR Bereich nicht durch Gegenstände behindert werden. Wenn die Stationen platziert und eingestellt sind (leicht nach unten geneigt, wenn sie auf 2m stehen), kann man mit der Raumvermessung loslegen.

Das geht mit dem Controller der Index. Man muss im Standardmodus einen möglichst quadratische Linie um den Raum ziehen, der die Basis für den VR Bereich bilden soll. Wenn man das richtig gemacht hat (mindestens 2×1,5m, sonst ist kein Raum VR möglich), dann wird innerhalb des begrenzten Bereiches ein weiterer Spielbereich gebildet.

Spielbereich und Grenze?

Da geht es schon los! Was soll der Quatsch? Die Grenzen des äußeren Bereiches werden angezeigt, wenn man in ihre Nähe kommt, die Grenzen des Spielbereiches aber nicht. Wofür lege ich einen Spielbereich fest, wenn ich für den die Grenzen nicht aktivieren kann? Wieso hat man das nicht wie bei der Quest gelöst? Die braucht weder die Minimalgröße, noch hat man zwei separate Bereiche, von denen der erste Bereich (Grenzbereich) der eigentlich relevante ist aber sich deutlich schlechter anpassen lässt als der zweite Bereich (Spielbereich).

Den Spielbereich sieht man nur auf dem Boden. Wenn man im Sitzen / Stehen spielt lässt sich kein Grenzbereich definieren. Spiele wie Beatsaber sind also dann recht gefährlich, weil man überhaupt keine Begrenzungen sieht. Ich würde sogar davon abraten ohne freien Bereich von 2×1,5m zum Spielen derartige Spiele zu nutzen.

Kamera mal ja mal nein

Ansonsten ist es auch eher eine Glückssache, ob die Grenze bei Annährung angezeigt wird und ob die Kamerasicht dann aktiviert wird, mal ja mal nein. Wenn die Kamera überhaupt geht. Das ist auch eher eine Glücksfrage. Hier muss ich ganz klar sagen war die Occulus Quest um Längen besser. Sowohl was den Setupprozess angeht als auch bei der Kameradurchsicht.

Bzgl. der Grenzen scheint ein Unterschied zwischen Headsettracking und Controllertracking zu bestehen. Sobald ein Controller in den Grenzbereich kommt oder diesen Überschreitet wird immer zuverlässig die Grenze gezeigt. Mit dem Headset kann man auch öfter die Grenze überschreiten, ohne das es einen Effekt hat. Warum das so ist, kann ich bisher nicht nachvollziehen, denn wenn das Headtracking nicht funktionieren würde, müsste man das ja auch im Spiel merken.

Die Idee von der Kameradurchsicht ist, dass bei Annäherung an die gesetzten Grenzen die Sicht so umgeschaltet wird, dass man die Realwelt sieht und so Kollisionen mit z.B. Wänden oder anderen Gegenständen vermeiden kann. Stellt euch das grob vor wie beim Holodeck in Star Trek vor.

Anfangs konnte ich die Kamera überhaupt nicht zur Zusammenarbeit bewegen. Geholfen hat bei mir, als ich die Index Infrastruktur mit Schaltstecktoden an und ausschalten konnte und die Index + Basisstationen erst hochgefahren habe, wenn der Rechner bereits ins Windows gestartet war. Als ich diese Möglichkeit noch nicht hatte, kam in der Regel als Fehlermeldung “keine Kamerakommunikation möglich”. Ob nun der Strom der Index getrennt wurde, die Treiber gelöscht und neu installiert wurden, die Index neu gebootet wurde – hat alles die Kamera nicht zur Zusammenarbeit bewegt. Irgendwann ging es dann, nachdem ich die Steckdosen verwendet habe.

Ein erweitertet Setupmodus erlaubt es zumindest Grenzbarriere über die vier Eckpunkte zu definieren. Der Modus ist aus meiner Sicht die bessere Variante, da der Spielbereich eh quadratisch sein muss.

Die Inhalte

Wie immer bei VR ist die der initiale WOW-Effekt groß. Plötzlich sitzt man mitten in einem Flugzeug (Flight Simulator), X-Wing (Star Wars Squadrons) oder versucht mit Lichtschwertern dem Beat zu folgen (Beatsaber). In Super Hot findet man sich in Matrix artigen Gefechten wieder (die Zeit wird steht dort, so lange man sich selbst nicht bewegt, desto schneller man sich selbst bewegt, desto schneller läuft die Zeit).

In Half Life Alyx stapfen sogar riesige Roboter und Mutanten durch das Zimmer. Das ganze Spiel ist so ausgelegt, dass man quasi alles anfassen kann und somit VR maximal erlebt. Der Effekt nutzt sich aber schnell ab. Das ist ungefähr so, wie man bei den 3D Filmen am  Anfang auf maximale Effekte gesetzt hat. Das hat anfangs seinen Reiz, verliert ihn aber schnell wieder.

So weit so schön. Realistisch betrachtet findet man aber nur 15-20 VR Spiele, die es sich aktuell lohnt zu spielen. Für mich gewinnen am meisten Simulationen oder simulationsartige Spiele wie z.B. Flight Simulator, Star Wars Squadrons, War Planes usw.

Aber alleine der Flight Simulator könnte fast Grund genug für VR sein, wenn er denn nicht so schlecht programmiert wäre. Für die dargestellte Qualität sind die Leistungsanforderungen ein Witz (extrem zu hoch). Selbst absolute High End Systeme gehen bei eher mittelmäßiger Grafik (man muss die Einstellungen gewaltig runterschrauben) in die Knie.

VR Erfahrungen

VR macht Spaß. Das liegt auch daran, dass damit Spielerfahrungen möglich werden, die sonst nicht möglich sind. Es ist eben schon sehr cool, wenn man plötzlich im Cockpit eines X-Wings sitzt oder auch im Flugzeugcockpit sitzt und ganz normal in alle Richtungen schauen kann. Näher an echtes Fliegen kann man ansonsten nicht herankommen, wenn man nicht gleich in ein echtes Flugzeug steigt. Wenn man den Kaufpreis zu Flügen in echten Flugzeugen in Relation setzt, kommt einem der Preis für das Headset plötzlich nicht mehr so hoch vor.

Nach der initialen Begeisterung versucht man dann aber die Kinderkrankheiten zu beseitigen, die man anfangs eher als “schaue ich mir später an, wird schon zu beheben sein” abtut.

Bei mir waren das mehrere Effekte. Ich hatte immer wieder Mikroruckler, die ich auch bei optimaler (genau diagonal gegenüber) Positionierung der Lighthouse Basisstationen nicht in den Griff bekommen habe.

Egal wie ich die Basisstationen aufgestellt habe, bei schnellen Kopfbewegungen ist das selbst im Steam Startraum passiert. Dabei war es auch egal, ob 80 oder 144Hz ausgewählt waren.

Nach etwas Recherche im Netz scheint das aber eher ein Nvidia (speziell bei der 30er Serie) als ein Index Problem zu sein. Offenbar fällt das bei VR Headsets deutlich mehr auf, als auf dem Monitor. Dort ist mir zumindest diese Art des Ruckelns noch nie aufgefallen. Lt. einem Thread im Nvidia Forum arbeitet man am Problem. Wann es gelöst wird, ist offen. So ganz einfach scheint es auch nicht so sein, da das Problem offenbar schon seit dem Release der 30er Serie besteht. Verursacht wird der Effekt offenbar durch einzelne übersprungene Bilder. Das sieht man selbst bei Bildraten von 144 Hz noch.

Anatomische Besonderheiten

Der Sweetspot (Bereich mit hoher Schärfe) und das Field of View (also der Sichtbereich) sind individuell sehr unterschiedlich. Wenn eure Augen tief innen liegen, dann werdet ihr mit beidem Probleme haben. Das FOV ist umso größer, desto näher ihr an der VR Brille seid. Am besten hättet ihr also ein flaches Gesicht. Bei der Index kann man zwar die Distanz zwischen Display und Auge einstellen aber das funktioniert nur sehr begrenzt. Bei mir sind die Knochen über den Augen oder die Brille im Weg. Ich habe sogar die Linsen von VR Optiker probiert aber auch die helfen diesbezüglich nicht, da sie den Abstand zu den Linsen auch vergrößern.

Beim FOV komme ich horizontal also auf rund 95°, was nicht gerade überragend ist. Das Vertikale FOV ist bei mir oben durch die Knochen über den Augen sehr stark eingeschränkt. Selbst wenn ich nur das FOV nach unten bewerte komme ich vielleicht auf 80°. Keine Ahnung wie man bei dem Test auf 130° kommen kann. Mit meiner Anatomie geht das definitiv nicht. Nach wie vor ist also VR nichts anderes als eine Taucherbrille tragen. So fühlt es sich zumindest an. Das trifft offenbar für alle VR-Brillen abseits der Pimax zu.

Sowohl mit den Linsen als auch mit der Brille hatte ich Probleme bzgl. des Sweetspots im horizontalen Bereich. Wenn man zu weit nach links oder rechts schaut wird es unscharf. Das sind aber Erfahrungen, die bei jedem Tester anders sind. Das hat auch wieder mit der Position der Augen zu tun.

Mein Augenabstand liegt mit 66mm im Normbereich. Diesbezüglich ist die Index übrigens klasse, weil die IPD im 0,1mm Bereich den Abstand anzeigt. Weniger toll ist, dass sich die Einstellung auch gerne mal von selbst ändert bei Kopfbewegungen.

Abseits davon hat man selbst bei weißer Schrift auf schwarzem Grund ständig irgendwelche glare Effekte. Das wird durch eine Brille oder Zusatzlinsen eher noch verstärkt.

Die Bildqualität

Die Displays der Index sind heute im Vergleich bestenfalls Mittelmaß. Die Auflösung ist eher gering verglichen mit vielen anderen Headsets. Das hilft zumindest bei PCs mit weniger Leistung. Trotz der – im Vergleich zu anderen Headsets offenbar – geringen Abstände zwischen den Pixeln lassen sich die einzelnen Punkte problemlos ausmachen. Das nennt sich Fliegengittereffekt.

Der Schwarzwert ist eher mau, selbst die Quest war diesbezüglich aufgrund des OLED Displays deutlich überlegen.

Abseits davon hat das Display sehr gute Bildwiederholraten und die Farbdarstellung ist ok.

Fairerweise muss man aber sagen, dass obige Effekte im Spielbetrieb kaum auffallen. Falls doch, dann am ehesten dadurch, dass man näher ran muss, um etwas lesen zu können. Das Fliegengitter ist schnell vergessen und selbst an den Schwarzwert kann man sich gewöhnen.

Controller

Die Controller habe ich im ersten Moment als nicht viel besser als bei der Quest eingestuft. Das war aber ein Fehler. Die Feinheiten machen es aus. Die Ringe an den Quest Controllern stören da man die vergisst und daher bei Bewegungen öfter mit den Controllern aneinander stößt. Das Problem gibt es bei den Index Controllern nicht. Weiterhin ist die Akkulaufzeit bei den Index Controllern deutlich größer.

Gerade bei Beatsaber merkt man aber auch das deutlich bessere Tracking, das eben wesentlich genauer ist als bei einer Occulus Quest über die integrierten Kameras.

Das Fingertracking ist nach meiner Erfahrung ziemlich ungenau und somit nur bedingt hilfreich. Das stört in etwa so viel wie man es anfangs toll findet, wenn es dann eben nicht der realen Stellung der Finger entspricht.

Die Controller scheinen aktuell die besten am Markt zu sein.

Der Ton

Der Ton ist wirklich klasse und das beste was ich bei einem VR Headset bisher gehört habe. In dem Bereich nichts zu beanstanden und auch nicht viel zu sagen.

Was noch fehlt wäre höchstens Surroundton aber andersrum vielleicht besser nicht. Dann wird das Headset noch schwerer und vermutlich auch hässlicher. 😉

Sonstiges

Ein paar Sachen sind mir sonst noch aufgefallen. Beim Updateprozess muss man jedes Gerät einzeln Updaten. Erst Basisstation 1, dann Basisstation 2, dann Headset, dann Controller 1, dann Controller 2. Ernsthaft? Das ist das Headset was angeblich am einfachsten zu bedienen ist und dann sowas? Wenn ich als Normalanwender updaten will, dann will ich einen Button und fertig. Zumindest als eine Option. Vor allem macht es keinen Sinn auf den beiden Basisstationen und auf den beiden Controllern unterschiedliche Firmwarestände zu haben.

Die Basisstation laufen im Standardmodus rund um die Uhr. Da ist sogar ein Motor für den Laser drin, der immer mitläuft. Strom sparen scheint bei Steam kein Thema zu sein. Den Standbymodus muss man erst manuell aktivieren. Standby bedeutet, dass die Basisstationen immerhin in Bereitschaft gehen (Motor aus), auch dann leuchten die LEDs noch. Auch die Index kennt kein echtes Standby. Die Leuchtdioden leuchten sowohl an den Basisstationen als auch am Headset immer. Somit kann man gleich noch 3 schaltbare Steckdosenadapter zusätzlich planen. Das ist nicht zeitgemäß.

Die Index ist mit Kabel schon ein ordentliches Gewicht auf dem Kopf. Das Kabel stört bei Bewegungen im Raum regelmäßig. Man kommt sich deutlich beschränkter vor, als dies z.B. bei der Quest ohne Kabel der Fall war.

Das Headset wird auch ganz schön warm. einerseits liegt es auf dem Gewicht auf und wenn ihr euch schnell bewegt müsst ihr die Schraube hinten auch schon etwas anziehen, damit das Headset fest am Kopf sitzt, ansonsten habt ihr Trägheitseffekte, wenn ihr den Kopf schnell bewegt und dann abrupt stoppt. Dadurch wird euch allein vom Tragen schon warm darunter. Die Displays helfen dabei noch.

Fazit

Nachdem ich die Occulus Quest vor einem halben Jahr getestet habe und die Valve Index eigentlich in jedem Test als optimale VR Mischung mit perfektem Tracking beschrieben wird, hatte ich persönlich mehr erwartet.

Dabei war ich mit dem Tracking der Controller sehr zufrieden. Mit den Mikrorucklern beim Drehen im Raum war ich aber absolut nicht zufrieden. Dafür kann die Index aber scheinbar nichts (siehe oben).

An den Controllern und am Ton gibt es auch wenig zu bemängeln.

Die Linsenthemen FOV und Sweetspot sind so individuell, dass man die nicht verallgemeinern kann. Dafür ist jeder Mensch zu unterschiedlich. Generell wäre mir ein größeres FOV lieber. In dem Bereich gibt es aber nur Pimax als Konkurrenz, deren VR-Brillen als wenig einsteigerfreundlich gelten. Weiterhin hat Pimax den Ruf quasi keinen Service bieten (auch dann nicht, wenn der Service manchmal aufgrund von Qualitätsproblemen angebracht wäre).

Somit ist mein Fazit: VR ist cool aber die Hardware ist noch immer in den Kinderschuhen und hat noch immer Kinderkrankheiten. Es ist zwar eine nette Spielerei aber haben muss man das nicht zwingend, auch nicht als leidenschaftlicher Spieler.

Am besten wäre vermutlich aktuell die Pimax 8KX. Die kostet aber auch schon 1500€ ohne Zubehör. Das heißt man benötigt trotzdem noch Basisstationen und Controller. Dann hat man ein Headset, bei dem man die Kopfhalterung tauschen muss, da der Ton der Standardhalterung sehr schlecht ist (somit landet man also in Summe schon bei ca. 2100€). Auch bei Pimax scheint es aber Linsenprobleme zu geben (vermutlich sowohl Fertigungstoleranzen  als auch abhängig von den jeweiligen Testern, wenn man Rückschlüsse aus Tests und Benutzerfeedback zieht).

Von VR 2.0 sind wir also leider noch ein ganzes Stück entfernt. Die Bestandteile sind vorhanden aber aktuell gibt es leider keinen Hersteller, der das out of the box und als Set liefern kann oder will, selbst wenn man bereit ist solch hohe Beträge zu bezahlen.

Awesome Blogger Award [Kommentar]

Zuerst danke an Tilly für die Nominierung.

Regeln, um Teil des Awesome Blogger Award zu sein:

  • Danke der Person, die Dich nominiert hat. -> Erledigt, siehe oben.
    Kennzeichne den Beitrag mit #awesomebloggeraward. -> Erledigt
  • Beantworte die Fragen, die Dir gestellt wurden. -> Erledigt
  • Nominiere mindestens 5 Blogger und informiere diese über ihre Nominierung. -> Das lasse ich erst mal aus oder verschiebe es ggf. auf später, denn wenn das jeder Blogger macht ist es ein Schneeballsystem und entwertet den Award und irgendwann ist halt auch jeder nominiert. Außerdem will ich niemanden unter Zugzwang setzen.
  • Gib ihnen 10 neue Fragen zur Beantwortung. – Somit auch auf später vertagt (siehe vorheriger Punkt). Der Teil könnte aber spannend sein. 😉

Die Fragen von Tilly:

  • Wieso hast du dich dazu entschlossen, einen Buch-/Autorenblog zu betreiben?
  • Ich wollte mich zu einem Buch austauschen, dass allerdings schon ein paar Jahre alt war und zu dem nun quasi kein Austausch mehr stattfand. Ich hatte gehofft, diesbezüglich mit einem eigenen Blog gegensteuern zu können. Das war zugegeben etwas blauäugig, denn das passiert bisher eher wenig. Zumal der Austausch eh am spannendsten ist, wenn man ein Buch gerade selber liest oder gelesen hat. Somit kann man sich zu Büchern in der Regel nur dann wirklich austauschen, wenn sie Mainstream sind oder eben in Buchclubs, Leserunden usw.

 

  • Was machst du, wenn du mal eine Schreib- oder Leseflaute hast?
  • Nun, da ich nicht schreibe, sind diesbezüglich keine Flauten zu erwarten. Beim Lesen habe ich kein konkretes Mittel. Ich mache was anderes und irgendwann habe ich dann hoffentlich wieder Lust. In der Regel hilft ein gutes Buch.

 

  • Ist der Autor tot?
  • Ähm, wie meinen? So ganz generell? Alle zusammen?

 

  • Wenn du etwas daran ändern könntest, wie in der Schule mit Literatur umgegangen, bzw. wie sie vermittelt wird – was wäre es?
  • Bitte weggehen von den vermeintlich literarisch wertvollen Werken wie Kinder vom Bahnhof Zoo oder Woyzeck. Stattdessen sollen Bücher gelesen werden, die gerade bei den Jugendlichen ankommen. Das kann die Biss Serie, die Firma oder auch Harry Potter sein. Einzige Voraussetzung ist aus meiner Sicht, dass es das Buch vor dem Film gab. Man sollte die Schüler vom Lesen begeistern und sie nicht davon abschrecken.

 

  • Hardcover, Softcover oder E-Book?
  • Früher ganz klar Hardcover, seitdem ich im Bett nicht mehr so gut lesen kann (ja, das Alter), E-Book.

 

  • Hand aufs Herz: Was war das für dich schlimmste Buch, dass du gelesen hast und wieso war es dir ein Graus? Hast du es abgebrochen oder dennoch beendet?
  • Puh, das schlimmste. So macht man sich Autoren zu Freunden. Ziemlich schlimm fand ich “Silberschwingen 1 – Erbin des Lichtes”, weil jemand der Leute verstümmelt und ein Mädchen wie den letzten Dreck behandelt als liebenswerter Kerl dargestellt wird, in den sie sich natürlich auch gleich verliebt.

 

  • Fällt es dir leicht negative Rezensionen zu verfassen?
  • Nein, wer bin ich, dass ich Werke von anderen zerreiße. Immerhin habe ich selbst noch kein Buch geschrieben. Somit finde ich, dass man immer einen gewissen Respekt vor der Arbeit der Autoren haben sollte. Wie schwierig eine gute Übersetzung ist, habe ich immerhin schon durch eigene Tätigkeit erfahren. Bei einem Buch kann ich es aber nicht beurteilen und somit nur rein subjektiv nach meinem Geschmack werten.

 

  • Autor, Genre, Cover, Titel, Beschreibung, Bewertung, Rezensionen… Was ist das für dich ausschlaggebende Kriterium, wenn du dir ein neues Buch kaufst?
  • Alles genannte. Es gibt Autoren von denen ich mehr oder weniger blind Bücher kaufe. Beim Cover ist es gut, wenn es interessant ist aber für mehr als initiale Aufmerksamkeit reicht es nicht. Das Cover kann sogar abschreckend wirken bei einem eigentlich guten Buch (gern bei Jugendbüchern genommen, wo Mädchen / Jungen abgebildet werden, die das jeweils andere Geschlecht zum kauf animieren sollen, aber nichts mit den Charakteren zu tun haben, die im Buch beschrieben werden). Beschreibung und Durchschnittsrezensionen spielen eine Rolle und natürlich auch das Genre. Wenn ich ein paar mal High Fantasy hatte, muss es dann halt auch mal Dystopie mit Realwelt sein – oder so.

 

  • Buchreihe oder Standalone?
  • Ganz klar Buchreihe, desto Länger eine Buchserie ist, desto eher kann man sich mit der Welt / den Charakteren verbinden. Allerdings mag ich auch keine Endlosserien mit 30 Büchern und nur lang ist halt nicht gut. Es sollte auch spannend sein.

 

  • Führst du ein Bücher-/Lese-Tagebuch? Warum (nicht)?
  • Nur mithilfe des Blogs. Dass reicht mir.

Fragen, die ich stelle (ich sammle so vor und nach bis ich 10 zusammen habe):

  1. Was sind deine 3 allzeit Lieblingsbuchserien?
  2. Was stört dich ggf. an Buchadaptionen in Film und Fernsehen? (Beispiele: generell Handlungsänderungen, komplette Veränderung der Geschichte, Änderung von Charaktereigenschaften, Wenn die Schauspieler nicht der Beschreibung der Charaktere im Buch entsprechen)
  3. Nimmst du Kontakt mit Autoren auf und gibst Kritik / Anregungen weiter und / oder tauscht dich mit Ihnen aus?
  4. Suchst du Zusatzmaterial zu Büchern oder interessiert dich das nicht? (ggf. Bonusmaterial auf der Homepage des Autors oder auch kleine Prequels Geschichten)
  5. Auf welches noch erscheinende Buch / Buchserie freust du dich am meisten?
  6. Wie ist dein Bücherregal sortiert? (nach Farben, titeln, chaotisch?)

 

Zahlen bitte! Jahresrückblick 2020 [Kommentar]

Es ist wieder Zeit für den Jahresrückblick. Den Blog gibt es bald seit 3 Jahren (im Februar).

Das letzte Jahr war natürlich stark Corona geprägt. Somit sollte man meinen, dass man mehr Zeit zum Lesen hatte. Da ich aber auch einige andere Projekte (DIY NAS – mit diversen Folgethemen, einen neuen Computertisch bauen) angegangen bin, die in den Vorjahren liegen geblieben waren, ist die Anzahl der gelesen Seiten / Bücher geringer als zum Beispiel im ersten Blogjahr. Zusätzlich habe ich diesem Jahr mehrere Staffeln von zwei Fernsehserien geschaut (Seal Team und Expanse). Beides benötigt natürlich auch Zeit.

Zahlen bitte!

 BücherSeiten
Januar31.312
Februar93.875
März146.714
April2800
Mai2912
Juni105.071
Juli2854
August2724
September145.508
Oktober94.310
November92.706
Dezember52.155
Summe8134.941

Zum Vergleich:

Im Vergleich zu 2019 hat sich die Anzahl der Bücher und auch der gelesenen Seiten deutlich erhöht. Da ich letztes Jahr aber auf dem Pacific Crest Trail (PCT) und ca. 5 Monate in den USA unterwegs war, ist das auch nicht erstaunlich. Im Vergleich zu 2018 ist sowohl die Anzahl der gelesenen Bücher als auch die Anzahl der gelesenen Seiten zurück gegangen.

Im schlechtesten Monat habe ich 724 Seiten gelesen, im besten 6.714. Das dünnste Buch hatte 80 Seiten (die 20 Seiten Bonusszene zu einem Buch zählt nicht, oder?), das dickste 784 Seiten.

Zwischen 2 (schlechtester Monat) und 14 (bester Monat) war die Spane der gelesenen Bücher sehr hoch.

Das entspricht durchschnittlich ca. 2.912 Seiten pro Monat und ca. 431 Seiten im Schnitt pro Buch.

Mit 3.096 Seiten habe ich einen neuen Rekord bei dem Leseanteil in der Sprache englisch aufgestellt. Es zeigt sich wieder, dass ich gerade bei verspätetem Erscheinen der deutschen Übersetzung gerne zum Original greife.

Jahresrückblick

Nachdem der Blog sich nun im dritten Jahr befindet, hat sich am Design und den Inhalten abseits von mehr nicht mehr so viel getan. Dafür ist der Blog mal wieder umgezogen und seitdem sind die Performanceprobleme scheinbar dauerhaft unter Kontrolle.

Die Anzahl der neuen Posts im Blog war 2020 die höchste in bisher. Im Schnitt habe ich offenbar alle 2 Tage gepostet. Da dies aber grob 40 Beiträge zu Montagsfrage und in etwa gleich viele zu den Leselaunen beinhaltet, sind es effektiv rund 70 reale Contentbeiträge.

Zusätzlich sind einige Quartalsrückblicke entstanden:

Da Reisen dieses Jahr nicht möglich war, habe ich deutlich mehr Reiseliteratur gelesen.

Ich habe mich dieses Jahr mit vielen nicht buchigen Themen beschäftigt. Anfang des Jahres was das ein Vergleich von Hikingstöcken auf den geplanten Urlaubsausflug zurück auf den PCT, der dank Corona nie stattgefunden hat. Als Nachbetrachtung zum PCT Hike habe ich einen Lessons Learned Post verfasst.

Es gab eine ganze Menge Technikthemen: 2-Faktor-Authentifizierung, MySQL 8, VPS Server Performance, Cookies im Blog (DSGVO), Nextcloud (ich habe viele alte Dokumente eingescannt und abgelegt), DIY NAS, Raspberry Pi als Webservers für einen WordPress Blog, Raspberry Pi mit Btrfs Luks Verschlüsselung, Odroid H2+ Performance, Raspberry Pi vs. VPS Server Performance, Backups und Btrfs, Update auf Ubuntu 20.04, PHP 8 Update.

Wie man an den ganzen Technikthemen unschwer erkennt, ist dort die Zeit hingeflossen, die ich weniger gelesen habe als in 2018.

Dem Wochenrückblick / Leselaunen und Montagsfrage bin ich 2020 treu geblieben.

Wie war euer (Blog)jahr? Was hat sich bei euch so alles getan? Ist bei euch alles so gelaufen wie es sollte oder eher nicht?

PCT Thru-Hike vs Covid 19 [Kommentar]

Pacific Crest Trail PCT San Jacinto

Die Langstreckenhiker als die Wurzel allen Übels

Ich habe mir nach einem Jahr mehr oder weniger PCT Abstinenz angeschaut was dieses Jahr um den PCT so passiert ist. Die ausländischen PCT Hiker wurden dieses Jahr durch den Reisebann weitgehend unterbunden (einige waren schon auf dem Trail – ausgehend von den Permits und Logeinträgen in den Trailbüchern wohl um die 550, als der Weltweite Shutdown begonnen hat).

Anschließend ist offenbar in der PCT-Facebookgruppe ein regelrechter Krieg ausgebrochen, der zum Gesamtbild der USA passt. Das ging so weit, dass sogar Morddrohungen an andere Hiker oder an ehrenamtliche Helfer, die auf Sozialen Medien moderiert haben, gingen.

Es sind offenbar sogar radikale Leute auf dem PCT hiken gegangen um mutmaßliche PCT Thru-Hiker zu dissen oder schlimmeres. Unglaublich sowas. Der PCT ist gefährlich genug, da braucht es nicht noch irgendwelche radikale selbsternannte Hilfspolizisten.

Faktisch hat sich die PCTA (Pacific Crest Trail Association) genötigt gesehen vom Hike abzuraten und die Permits zu widerrufen. Offiziell hat das aber keine rechtliche Wirkung, da nur staatliche Organisationen denen das Land gehört einzelne Teile vom Trail sperren können.

In der Facebook PCT Class 2020 wurde das Klima offenbar so vergiftet, dass sich eine neue Gruppe “still hiking” gegründet hat. Auch bei den Helfern gab es offenbar zwei Lager. Das eine Lager hat seine Unterstützung eingestellt (vollkommen nachvollziehbar) und das andere war wohl eher nach dem Motto jetzt erst recht unterwegs (nach dem Motto ich lasse mir doch nichts verbieten).

Argumente von beiden Seiten

Beide Seiten hatten valide Argumente. Im ersten Moment und als der Ausbruch primär in den Großstädten stattgefunden hat war meine erste Reaktion: Es gibt doch nichts besseres als dieses Jahr den PCT zu Hiken (irgendwo im Hinterland in der Natur ist die Ansteckungsgefahr qausi nicht vorhanden).

Ein paar Argumente für das fortführen des Hikes:

  • Die PCT Hike Vorbereitung ist keine Kleinigkeit. In einem Artikel wurde es mit der Vorbereitung auf olympische Spiele verglichen. Die Leute haben teilweise ihre Wohnung vermietet, ihr Auto verkauft und ihren Jop gekündigt. Nichts was man in einer Phase wo auch noch zig Leute ihren Job verlieren mal eben zurückdrehen kann -> Aus meiner Sicht ziemlich starkes Argument
  • Die lokalen Geschäftsläute sind auf die Hiker angewiesen -> Teilweise sicher wahr. 6000+ Langstrecken Hiker im Jahr mehr oder weniger dürften sich schon deutlich bemerkbar machen
  • Ohne Nutzung verkommt der Trail -> Wie bei jeder Straße gerade am PCT wird sich die Natur den Trail schnell zurück holen
  • Die Hiker sind auch keine größere Gefahr für die kleinen Städte, die teilweise vom Tourismus leben als jeder andere Besucher -> Aus meiner Sicht valide.
  • Jeder Hiker der seinen Hike abbricht reist quer durch das Land -> Wenn man angst vor Hiker in kleinen Orten hat ist das genauso ein valides Argument wie das der Ansteckung von Einwohnern
  • Wenn die Hiker nach Hause zurückkehren sind deren Familien in Gefahr -> Das ist kein Argument. Wenn man in dieser Richtung argumentiert gefährdet man auch alle entlang des Trails.
  • Die Ansteckungsgefahr auf dem Trail ist viel geringer als in Großstädten

Ein paar Argumente gegen das fortführen des Hikes:

  • Wenn man sich bei einem Resupply Stopp mit Covid ansteckt und dann auf dem Trail einen schnellen Verlauf mit starken Symptomen hat, kann das Lebensdrohlich sein und das ist dann definitiv eine Zusatzbelastung für die Ersthelfer -> Aus meiner Sicht valides Argument, ich kann nicht einschätzen wie die Risiken sind. Das hängt auch vom Alter des Hikers ab.
  • Man belastet Ersthelfer zusätzlich und setzt sie einer Ansteckung aus, wenn der Hiker Covid hat -> Partiell mit Sicherheit. Es müssen jedes Jahr einige Hiker “gerettet” werden. Da es dieses Jahr ein low snow Year war wäre der Aufwand vermutlich überschaubar gewesen. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob die Search & Rescue Teams auch im Covid Kontext eingesetzt werden. Aber ja, valides Argument. Das mit der Ansteckungsgefahr trifft aber nicht nur auf Hiker zu, sondern auch bei jedem anderen Patienten. Wenn man sich US Notfallsendungen ansieht wäre es wohl viel hilfreicher, wenn die Leute nicht auf sich schießen würden. Die Anzahl der Notfälle am PCT ist verhältnismäßig überschaubar.
  • Auf dem PCT sind primär junge Leute unterwegs. Somit ist die Gefahr groß, dass diese Überträger sind und selbst nur milde Symptome zeigen. -> Möglich, wenn sie Masken nutzen in den Städten ist die Übertragungsgefahr aber nicht größer als bei anderen mit Maske (sofern die in den USA überhaupt benutzt werden).
  • Die PCT Hiker erhöhen die Gefahr der Übertragung in den kleinen Örtchen extrem, da sie den Virus entlang des PCT verbreiten -> Aus meiner Sicht schwaches Argument. Da eh viele US Amerikaner nichts von Masken halten, behaupte ich dass normale Reisende viel mehr zur Verbreitung beigetragen haben als Hiker das je könnten. Die Orte entlang des PCT sind überwiegend Tourismusorte oder Durchfahrtsorte. Die erhöhte Gefahr ergibt sich primär für Orte die beides nicht sind.
  • In den Orten entlang des PCT gibt es nur sehr rudimentäre Gesundheitsversorung. -> Aus meiner Sicht eher schwaches Argument. So oder so muss man in ein entsprechend ausgestattetes Krankenhaus, wenn man Covid und schwere Symptome hat. Die lokale Versorgung ist da eher irrelevant.
  • Hiker haben eine hohe Gefahr sich gegenseitig anzustecken -> Das Argument ist aus meiner Sicht valide. Manche hiken in Gruppen und beim Wandern wird wohl kaum jemand ein Mundtuch tragen (ja auch davon ist die Wirkung nach wie vor umstritten), genauso wenig wie beim Campen. Die Distancing Richtlinien sind auf dem Trail schlicht nicht einhaltbar. Wenn man sich überholt kann man die Abstände meist nicht einhalten. Damit das ein Problem wird, muss aber erst mal ein Hiker angesteckt sein und die Gefahr ist in der Kirche, im Restaurant oder sonst wo ohne Schutzmaßnahmen auch nicht geringer. So viele Leute sind auf dem Trail eher selten zusammen. Von Flugzeugen, wo die Leute auf engstem Raum zusammen sitzen will ich überhaupt nicht anfangen.
  • Der Support auf dem Trail ist eher gering -> Das dürfte gerade für nicht US-Bürger ein Problem sein. US-Bürger können sich ja per Post über bekannte alles liefern lassen. Den Service bieten auch einige kommerzielle Anbieter an. Das gut zu planen ist mit Sicherheit schwer aber ein normaler hike läuft ja auch runder als meiner und somit halbwegs planbar. Somit auch kein hartes Argument, so lange man nicht aus dem Ausland kommt.
  • Die Rückreise ist ungewiss -> Primär für Ausländer relevant, die schon vor dem Reisebann unterwegs waren
  • Die einheimische Meinung könnte Kippen (Stichwort Bauern mit Mitgabeln) -> Das ist partiell passiert. In Idyllwild / Big Bear gab es sogar Initiativen gegen Hiker. Total verrückt aus meiner Sicht, wenn es sich um Orte handelt, die vom Tourismus leben. Lokale Geschäftsleute, die von den Hikern leben haben das logischerweise teilweise genau andersrum gesehen.

Heiße Luft um nichts

Um es kurz zu machen meiner Meinung nach viel heiße Luft um nichts. Ich würde behaupten, dass die long distance hiker sehr geringen Einfluss auf das Covid Geschehen in den USA hatten bzw. mann muss eher sagen gehabt hätten, denn es waren ja kaum welche unterwegs. Mittlerweile ist fast alles wieder geöffnet trotz Höchstzahlen bei den Infektionen aber die PCTA vergibt weiter keine Permits.

Viel schlimmer dürften jegliche Art von Kurztrips egal wo hin sein. Mit den Hikern hat man nur eine Opfergruppe gefunden, die man verantwortlich machen kann.

Wie so viele Regelungen auch in Deutschland ist das inkonsequent. Für Ausländer ist aktuell wegen dem Reisebann gegen Europäer eh nichts planbar (auch der macht wenig Sinn, denn andersrum wäre die Gefahr der Ansteckung ja viel größer).

Unklare Situation für 2021 – Bewerbungsverfahren ausgesetzt

Die PCT-Bewerbungsphase für das nächste Jahr wurde komplett ausgesetzt (es gibt keine Lotterie im Oktober und vorerst auf Januar verschoben und auch dann ist es fraglich, ob es long distance permits gibt). Ob dann wirklich PCT Permits vergeben werden ist fraglich. Wer sicher planen will muss wohl bis 2022 warten (falls Donald bis dahin noch Präsident ist weiß man auch noch nicht so genau, ob bis dahin noch Ausländer auf den Trail dürfen. In der Richtung hat er sich auch schon mal geäußert – Stichwort “lauft doch eure eigenen Trails”).

Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Gerade von den Kurzurlauben in Risikogebiete halte ich überhaupt nichts, vor allem nicht wenn das Gebiet vor dem Buchen des Urlaubs schon als Risikogebiet feststeht (wenn die Reihenfolge andersrum ist müsste eher der Staat eine Reisewarnung aussprechen, damit man die Reise absagen kann).

Gerade die PCT Langstreckenhiker bewegen sich aber in einem Low Snow Year relativ kontinuierlich und langsam in form einer Blase durch das Land. Da sind Kurzstreckenurlauber, die ggf. noch Rundreisen machen eine ganz andere Hausnummer was die Ansteckungsgefahr angeht.

Andersrum wird Covid auch nicht plötzlich verschwinden wie das anfangs wohl alle gehofft haben. Die Wiederansteckung von Einzelnen und die geringe absolute Ansteckungsquote + steigende Infektionszahlen weltweit belegen dies recht deutlich.

Aktuell entsteht meiner Meinung nach dauerhafter Schaden, sowohl durch die sich anfeindenden Hikergruppen (das entspricht leider dem von Donald Trump geschürten Gesamtklima in den USA), als auch durch die ausbleibenden Einnahmen der Geschäftsleute entlang des Trails. Auch die Anfeindungen von Leuten, die um den Trail arbeiten sind nicht hilfreich.

Die PCTA macht sich aktuell mit ihren Statements wohl auch kaum Freunde, wird aber vermutlich selbst politischer Spielball sein.

Das generelle Bewerbungsverfahren bzw. den Bewerbungsprozess habe ich in der Vergangenheit bereits beschrieben.

Generelle Infos zum PCT befinden sind verlinkt.

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